Die Ausgabe 57 „Erwachsenenbildung aus der Perspektive des Lebenslaufs” reflektiert Erwachsenenbildung aus der Sicht des Life Course Approach und arbeitet den Wert für die erwachsenenbildnerische Theorie und Praxis heraus.
Der Life Course Approach (auch Lebenslaufansatz oder Lebenslaufperspektive) markiert einen Paradigmenwechsel in der Erwachsenenbildung, indem er Bildung als komplexen, lebenslangen Prozess über die gesamte Entwicklung und Sozialisation hinweg versteht, der in historische und sozioökonomische Kontexte eingebettet ist. Entscheidend für die Erwachsenenbildung ist, wie Individuen lebensgeschichtliche Erfahrungen verarbeiten und wie diese ihre Bildungsprozesse beeinflussen.
Die aktuelle Ausgabe des „Magazin erwachsenenbildung.at“ (Meb) versammelt 15 Beiträge, die Erwachsenenbildung aus einer Perspektive des Lebenslaufs beleuchtet.
Elke Gruber und Kurt Schmid, die das Heft als inhaltliche Herausgeber:innen betreut haben, verdeutlichen im Editorial den Unterschied zwischen Lebenslauf und Biografie. Während der Lebenslauf die Gesamtheit objektivierbarer Ereignisse von der Geburt bis zum Tod umfasst, markiert die Biografie die individuelle, sinnhafte Aneignung dieser Erlebnisse. In modernen Gesellschaften konstituieren sich beide Konzepte zunehmend als Lerngeschichten, wobei kritische Lebensereignisse und Übergänge als zentrale Lernanlässe fungieren.
Systemische und theoretische Perspektiven
Die Beiträge dieser Ausgabe beleuchten den Lebenslaufansatz aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Dieter Nittel und Rudolf Tippelt fassen die Erwachsenenbildung als Pionier eines pädagogisch organisierten Systems des lebenslangen Lernens auf, das soziale Teilhabe und berufliche Flexibilität über die gesamte Lebensspanne sichert. Katrin Kraus nimmt die Leitidee des lebenslangen Lernens in ihrer Ambivalenz in den Blick und diskutiert das Spannungsfeld zwischen demokratischer Entfaltung und ökonomischen Verwertungsinteressen. Ergänzend dazu erweitert Christiane Hof die Perspektive um eine praxistheoretische Sicht: Lernen wird hier als „Becoming“ (Werden) als sozial eingebetteter Prozess verstanden, der weit über die reine Wissensaneignung hinausgeht.
Motivation, Barrieren und Teilhabe
Warum besuchen Menschen Weiterbildungen, was hindert sie an einer Teilnahme? Mit der Gruppe derer, die keine Weiterbildungen besuchen, befassen sich drei Beiträge. Günter Hefler und Eva Steinheimer zeigen, wie Weiterbildungsmotivation durch biografische Brüche oder Übergänge neu entstehen kann, um neue Handlungsspielräume zu eröffnen. Demgegenüber analysieren Helen Buchs und Lynette Weber die Nicht-Teilnahme als oft subjektiv sinnvolle Entscheidung, um sich vor Beschämung z.B. aufgrund früherer negativer Schulerfahrungen zu schützen. Ein spezielles Instrument, um die Weiterbildungsteilnahme zur erhöhen, könnten die von Martina Thomas vorgestellten Weiterbildungsmentorinnen und -mentoren sein, die direkt in Betrieben zur Weiterbildung motivieren und dabei helfen, Ängste oder Unsicherheiten abzubauen.
Biografiearbeit und reflexive Prozesse
Lernen im Lebenslauf erfordert kontinuierliche Reflexion. Bianca Haring und Angela Pilch Ortega verdeutlichen, dass die reflexive Bearbeitung früherer Lernerfahrungen entscheidend für den Erfolg aktueller Bildungsprozesse ist. Der Ansatz der Biografiearbeit macht sichtbar, wie Lernentscheidungen, Bildungswege, aber auch Nicht-Teilnahme an Bildung mit individuellen Situationen verbunden sind. Den Unterschied zwischen der analytischen Biografieforschung und der unterstützenden Biografiearbeit arbeitet Sol Haring im Gespräch mit Julia Schindler heraus. Wie individuelle „Handlungsmacht“ (Agency) durch positive berufliche Erfahrungen und soziale Unterstützung entstehen kann, zeigt Julia Wurzenberger an einem Beispiel.
Kritische Lebensereignisse und spezielle Kontexte
Die Ausgabe beleuchtet zudem Bildungsprozesse in besonderen Lebenslagen. Kritische Lebensereignisse stellen oftmals Auslöser für Bildungsprozesse dar. Christopher Wimmer und Svenje Marten thematisieren den Strafvollzug als Ort für eine soziale Neuausrichtung und plädieren dafür, ihn mehr als modernen Lernort denn als „totale Institution“ zu begreifen. Wie Gewalt und Unrecht das Leben ehemaliger „Verschickungskinder“ prägt - damit befasst sich der Beitrag von Hannah Rosenberg, wobei sie die Bedeutung gesellschaftlicher Anerkennung von Unrecht hervorhebt. Um nach einer Flucht den Sprung ins Regelsystem zu schaffen, stellt Ghulam Mustafa Molai das Modell der Willkommensklassen für geflüchtete junge Erwachsene an deutschen Berufsschulen vor.
Einer speziellen Lebensrealität widmet sich Siegfried Bachmayer - der von Menschen mit Hörbehinderung und Schwerhörigkeit. Er analysiert in seinem Beitrag ihre Kommunikationsbiografien. Die Erkenntnisse können in Kombination mit einem speziellen curricularen Modulsystem, das auf dem Universal Design for Learning basiert, einen Motor für die Inklusive Erwachsenenbildung darstellen.
Rezension
Sarah-Maria Rotschnig empfiehlt allen, die ihr Verständnis von Lernen, Biografie und Kompetenz vertiefen möchten, den gleichnamigen Band von Hof und Rosenberg.
https://erwachsenenbildung.at/magazin/ausgabe-57/
29.10.2025, Text: Katrin Sarembe-Dreßler, Bundesinstitut für Erwachsenenbildung (bifeb)
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