Programm "Zukunftsfeld Bildungs- und Berufsberatung 2020"

Donnerstag, 23. April 2020

11:00 - 11:30 Eröffnung

11:30 - 12:30 Keynote 1: Professionelle Urteilsbildung in der Beratung (Pascal Bastian)

12:30 - 13:30 Keynote 2: Pädagogische Bildungs- und Berufsberatung: Entscheiden im Spannungsfeld von Ganzheitlichkeit und Bearbeitbarkeit (Cornelia Maier-Gutheil)

13:30 – 15:30 Mittagessen

15:30 – 17:30 Foren 1 und 2 und Workshops 1- 3

17:45 – 18:15 Berichte aus den Foren und Workshops

20:00 – 21:15 Abendprogramm: Vintagedance (Sandra Krulis)

Freitag, 24. April 2020

09:00 – 10:15 Keynote 3: Diagnostik in der Beratung – unverzichtbar, förderlich, erlaubt? (Silja Kotte)

10:30 – 12:30 Foren 3 - 5 und Workshops 4 und 5

12:45 – 13:15 Berichte aus den Foren und Workshops

13:30 – 14:00 Ausklang Zusammenführung/Abschluss

Abstracts

Um die Abstracts der Beiträge lesen zu können, klicken Sie bitte auf den jeweiligen Titel.

Tag 1: 23. April 2020

Keynote 1: Professionelle Urteilsbildung in der Beratung

Pascal Bastian

Bildungs- und Berufsberatung stellt ein Tätigkeitsfeld dar, in dem Menschen fortwährend fachliche Urteile und Entscheidungen treffen müssen. Obwohl sich die Relevanz professioneller Urteile auch in den theoretischen Debatten – etwa in der Beratungswissenschaft oder der Sozialpädagogik – widerspiegelt, ist es auffällig, dass in den meisten Fällen - wenn überhaupt - nur randständig von Urteilen und Entscheidungen gesprochen wird.

Im Vortrag wird das Thema im Rahmen verschiedener, auch kontroverser theoretischer Positionen diskutiert. Dabei sollen konventionelle Modelle kritisch auf ihre Angemessenheit überprüft werden und standardisierte, digitale bzw. evidenzbasierte Instrumente und Verfahren der Urteilsbildung in Hinblick auf ihre Auswirkungen auf den professionellen Ermessensspielraum betrachtet werden.

Auf der Grundlage der Ergebnisse verschiedener empirischer Studien werden Alternativen zu den konventionellen normativen Urteils- und Entscheidungstheorien aufgezeigt, die sich stärker an ethnografischen, interaktionistischen und materialitätstheoretischen Konzepten orientieren. Ziel des Vortrages ist nicht eine abgeschlossene Theorie oder ein innovatives Modell zu präsentieren, sondern Irritationen und Denkanstöße anzubieten zur Reflexion der eigenen Praxis professionellen Urteilens und Entscheidens.

Keynote 2: Pädagogische Bildungs- und Berufsberatung: Entscheiden im Spannungsfeld von Ganzheitlichkeit und Bearbeitbarkeit

Cornelia Maier-Gutheil

Bei Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung handelt es sich, wie wir wissen, um ein äußerst komplexes Geschehen, bei dem Berater_in und ratsuchende Person in einem ko-produzierten Interaktionszusammenhang agieren, mit dem Ziel, die Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit hinsichtlich beruflicher bzw. bildungsbezogener Anliegen der einen Person (wieder-)herzustellen bzw. zu ermöglichen. Es geht jedoch nicht nur darum, ratsuchende Personen bei deren Entscheidungsprozessen unterstützend zu begleiten. Vielmehr beinhaltet das professionelle Handeln seinerseits eine Vielzahl an Entscheidungen, die letztendlich Auswirkungen auf den Prozessverlauf wie auch etwaige Erfolgsmöglichkeiten haben. Dass dieses interaktive Miteinander eingebettet ist in institutionelle und gesellschaftliche Kontexte, kommt als beeinflussende Ebenen hinzu. Wie sehr gerade institutionelle Kontexte das Beratungshandeln tangieren, darauf hat kürzlich erst Tim Stanik in seiner Dissertationsstudie hingewiesen (2015).

Auch Kompetenzprofile, wie das vom Team Beratungsqualität der Universität Heidelberg unter Leitung von Christiane Schiersmann in Zusammenarbeit mit dem Nationalen Forum Beratung e.V. entwickelte, belegen eindrücklich die Komplexität der Interaktion und vermitteln, an welchen Ansprüchen sich das professionelle (Entscheidungs-)Handeln zu orientieren hat. Aus einer (erwachsenen-)pädagogischen Perspektive lässt sich Bildungs- und Berufsberatung des Weiteren als ein potenzieller Lern- und Bildungsprozess der ratsuchenden Person beschreiben. Dabei gibt es verschiedene Konstruktionen dessen, was als pädagogische Beratung verstanden wird. Orientierung können hier theoretische Konzepte bieten (z.B. Wohlberatenheit, Verstehen, Aufklärung und Mündigkeit), die in Positionen münden, etwa die Verfügbarmachung des Prozesses für die Ratsuchenden als das spezifisch Pädagogische.

Im Vortrag wird vor diesem Hintergrund der Frage nachgegangen, welchem Bedingungsgefüge Beraterinnen und Berater ausgesetzt sind (z.B. personbezogenen, institutionellen, gesellschaftlichen, zeitlichen Ansprüchen) und welche Aspekte für diese Komplexität und Gemengelage hilfreich sein können, hinsichtlich zu treffender Entscheidungen im Spannungsfeld von Ganzheitlichkeit und Bearbeitbarkeit.

Forum 1: Stereotypen als Einflussfaktoren auf die Bildungs- und Berufsberatung

F1a: Berufsberatung abseits von Stereotypen
Silke Luttenberger


Berufliche Interessen sowie Berufsentscheidungen entstehen aus einem Zusammenspiel zwischen Person und sozialem Umfeld. Konkrete Lernerfahrungen sind zentral für die Entwicklung von positiven und realistischen Einschätzungen über die eigenen Fähigkeiten. Berufliche Entscheidungen werden aber nicht nur vor dem Hintergrund von individuellen Fähigkeiten, Stärken und Interessen getroffen. Gerade geschlechtsstereotype Einstellungen sind noch immer weit verbreitet: So werden Schulfächer (Buben sind gut in Mathe, Mädchen hingegen nur Deko) und in weiterer Folge auch berufliche Interessen für das jeweilige Geschlecht als passend (Buben haben keine sozial-emotionalen Kompetenzen) empfunden. Diese Stereotype werden häufig im sozialen Umfeld (Eltern, Peers, Schule) erworben bzw. reproduziert. Es handelt sich dabei um vorherrschende Vorstellungen darüber, wie das angemessene Verhalten von Buben oder Männern bzw. Mädchen oder Frauen aussieht.

Diese Geschlechtersegregation wird in den bildungspolitischen Analysen zur Chancengerechtigkeit gerade in Österreich zahlreich belegt. Dies bedingt vor allem fortgeführte Geschlechterstereotype, die dazu führen, dass Lebens- und Berufschancen noch immer häufig von der Kategorie Geschlecht abhängig sind.
Im Forum werden – ausgehend von Beispielen aus Forschung und Praxis – Impulse für eine Berufsberatung abseits von Stereotypen gegeben und Erfahrungen bzw. Implikationen diskutiert.

 
F1b: Berufs- und Studienwahl frei von Geschlechterklischees
Miguel Diaz

In Forum können sich die Teilnehmenden zunächst anhand aktivierender Übungen und Methoden mit dem Thema Geschlechterklischees auseinandersetzen.

Im Anschluss daran werden aktuelle Daten und Fakten vom deutschen Ausbildungsmarkt aufgeschlüsselt nach Geschlecht skizziert, Hintergründe und Auswirkungen einer geschlechtsstereotypen Berufs- und Studienwahl beschrieben und die Initiative Klischeefrei als möglicher Lösungsansatz vorgestellt.

Forum 2: Zwischen Interessen, Begabungen und Berufswahlbereitschaft

F2a: Jobpsy: Ein digitales Instrument zur Interessensabklärung für Jugendliche
Martina Aicher

Eine wichtige Säule in der Bildungs- und Berufsberatung junger Menschen ist es, auf die Interessen der Jugendlichen einzugehen. Unterstützend dazu werden sowohl online als auch in Beratungssettings Interessenstests angeboten, die häufig auf John Hollands' RIASEC-Modell beruhen. Auch Jopsy basiert auf diesem Modell, anstatt der bewährten 60 Fragen des bisher üblichen schriftlichen Tests bewerten die Jugendlichen aber in Jopsy 60 Bilder (versehen mit erkärenden Stichworten) je nach ihrem Interesse. Haben sie das gemacht, erhalten sie eine Darstellung ihres Interessensprofils und eine Liste von Berufen, die mit ihrem Profil korrespondieren. Jopsy ermöglicht den Jugendlichen damit einen kostenlosen, niederschwelligen und leicht zugänglichen Einstieg in das Thema Berufsorientierung.

Die App holt sie dort ab, wo sie stehen und versucht sie so zu motivieren, sich mit dem oft als sperrig und trocken angesehenen Thema Berufsorientierung auch weiter auseinanderzusetzen. Im Workshop wird auf die Motivation hinter Jopsy eingegangen, sowie auf die Entwicklung und wissenschaftliche Basis der App. Der Schwerpunkt soll aber auf dem Ausprobieren und der Diskussion der mögichen Einsatzgebiete von Jopsy (im Beratungs- wie im Gruppensetting) liegen, sowie auf der Ergebnisinterpretation.

 

F2b: Selbsteinschätzung zum Stand in der Berufswahl
Matthias Rübner

Wo stehen junge Menschen in ihrem Berufs- und Studienwahlprozess, wenn sie in die Beratung kommen? Wie ist das Verhältnis von Selbst- und Fremdeinschätzung zwischen Ratsuchenden und Beratungspersonen ausgeprägt? Inwieweit stimmen Beratungspersonen ihr Verhalten auf den Berufswahlstand ihrer Ratsuchenden ab? Lassen sich Veränderungsprozesse im Anschluss an die Beratung feststellen?

Vorgestellt werden Erkenntnisse aus aktuellen Studien sowie Möglichkeiten der Einschätzung der Berufs- und Studienwahlbereitschaft anhand von in der Praxis erprobten Tools, die als Online Self-Assessments, als flankierende Beratungsmethoden sowie zu Evaluationszwecken eingesetzt werden können.

Workshop 1: Umgang mit schriftlicher Komplexität in E-Mail-Bildungsberatung

Cornelia Maier-Gutheil und Tim Stanik

Digitalisierte Kommunikation hat sich sowohl in privaten als auch in beruflichen Kontexten etabliert, sodass auch Online-Beratungen ihren festen Platz in unserer mediatisierten Gesellschaft haben (sollten). Auch Einrichtungen der Berufs- und Bildungsberatung, die keine ausgewiesenen Online-Beratungsangebote bereithalten, stellen neben Telefonnummern selbstverständlich ihre E-Mail-Adressen als potentielle Kontaktmöglichkeit für ihre Ratsuchenden zur Verfügung.

Unsere Studien zeigen, dass E-Mails seitens der Ratsuchenden jedoch nicht nur zu Terminvereinbarungen genutzt werden. Vielmehr werden in den Mails bereits Beratungsanliegen und konkrete Fragen formuliert sowie eigene Lösungsmöglichkeiten oder bislang nicht erfolgreiche Lösungsstrategien dargelegt. Dies hängt unter anderem mit der Niederschwelligkeit des Mediums zusammen. Die Analysen der sich anschließenden E-Mail-Beratungsprozesse machen weiterhin deutlich, dass Potenziale, die in diesem Format u.a. in der Schriftlichkeit, der Anonymität oder der Verknüpfbarkeit mit anderen digitalen Angeboten liegen, nicht immer hinreichend von den Berater_innen ausgeschöpft werden. Neben Chancen bergen in Form von E-Mails prozessierte Beratungen wiederum auch spezifische beraterische Herausforderungen. So sind Beratungen hier nicht als mündliche, synchrone Interaktionen, sondern als schriftliche, asynchrone Kommunikationen zu gestalten. Hierzu bedarf es neben einer professionellen und fallspezifischen Abwägung der Berater_innen hinsichtlich der Grenzen des Formats insbesondere auch beraterische Lesekompetenzen sowie an den Ratsuchenden orientierte Schreibkompetenzen.

Der Workshop greift die An- und Herausforderungen des Formats Online-Beratung auf, indem ausgewählte Befunde des Forschungsstandes mit Blick auf Internetkommunikation im Allgemeinen und auf E-Mail-Bildungsberatungen im Besonderen zunächst aufgezeigt werden. Hierauf aufbauend lernen die Teilnehmer_innen ausgewählte digitale Lese- und Schreibstrategien sowie Modelle zur Bearbeitung von E-Mail-Beratungsanfragen kennen. In der Folge laden wir die Teilnehmer_innen ein, diese Analyse- und Interventionsmöglichkeiten mit Hilfe von authentischen E-Mail-Fällen praktisch zu erproben, für sich zu reflektieren und gemeinsam in der Gruppe zu diskutieren.

Workshop 2: Diagnostikinstrument „Bilder zur Laufbahngestaltung“

Erhard Brodmann

Das Laufbahnzentrum der Stadt Zürich hat für die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung ein neues qualitatives Diagnostikinstrument entwickelt: "Bilder zur Laufbahngestaltung".

Die theoretischen Grundlagen der Bilder zur Laufbahngestaltung sind:

  • Bewusstheit: Hierbei geht es darum, dass unbewusste und/oder latent bewusste Themen, welche für die Laufbahngestaltung wichtig sind, bewusstgemacht werden und ihre Bedeutung reflektiert wird.
  • Wertebasiertes Laufbahnmodell: Nach dem wertebasierten und holistischen Modell der Laufbahn- und Lebensrollenwahlen und-zufriedenheiten von Brown beeinflussen Werte die Laufbahnentscheidungen und die Zufriedenheit der verschiedenen Berufs- und Lebensrollen.
  • Narrative Beratungsmethode: Ratsuchende Personen werden motiviert, zu den gewählten Bildern Geschichten zu erzählen. Diesen können sie Titel geben, welche deren Bedeutung wiedergeben. Anschliessend können die Titel und Inhalte und der Bezug zur aktuellen Situation reflektiert werden.
  • Konstruktivistische Laufbahnberatung: Beim Sortieren der Bilder zur Laufbahngestaltung fragt die Beratungsperson nach den Gründen für die Wahl der Bilder und macht damit die persönlichen Konstrukte bewusst, die für die Entscheidung beruflicher Problemstellungen wichtig sind.
  • Qualitative Diagnostik: Bei den Bildern zur Laufbahngestaltung handelt es sich um Bilder, die qualitativ ausgewertet werden und nicht quantitativ im Sinne eines Zuordnungsmodells.

Mit den Bildern zur Laufbahngestaltung werden ratsuchende Personen bei der Gestaltung ihrer Laufbahn unterstützt. Wichtige Laufbahnthemen, welche mit den Bildern zur Laufbahngestaltung identifiziert werden, können bewusst im Beratungsprozess berücksichtigt werden. Das Instrument besteht aus zwei Sets (eines für Frauen und eines für Männer) mit je 111 laminierten Farbbildern. Die ratsuchende Person sortiert diese Bilder abhängig davon, wie stark es sie anspricht oder abstößt, und gruppiert die Bilder danach zu Themen. Im Gespräch mit der Beratungsperson erfolgt eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Bedeutung dieser Themen in Bezug auf die Fragestellung und die aktuelle Lebenssituation.

Workshop 3: Kreative Medien: Ausdruckmöglichkeiten auch jenseits der Sprache

Konstanze Eppensteiner

Kreative Medien im Beratungsprozess ermögliche Ausdrucksformen jenseits der Sprache. Wir nützen die Fähigkeiten des Menschen als multi-expressivem Wesen. Neue Perspektiven auf aktuelle Fragestellungen und Lösungen tauchen auf und werden benennbar. Die Arbeit mit Malfarben und Symbolen, sowie der Zugang über Körper und Bewegung, werden in dem Workshop vorgestellt und exemplarisch selbst erfahren.

Tag 2: 24. April 2020

Forum 3: Beziehungs- und Resonanzräume in der Beratung

F3a: Unbewusstes versteht Unbewusstes – Resonanzräume in der Beratungsbeziehung
Magdalena Stemmer-Lück

Kommen Menschen in Kontakt miteinander, geraten sie in eine Schwingung, die sie nur begrenzt bewusst wahrnehmen und kontrollieren können. Jede Beratungs- und Ausbildungsbeziehung ist eine Resonanzbeziehung. Sie kann auch definiert werden als sich berühren zu lassen und zu berühren. Wir kommunizieren miteinander über alle Sinneskanäle wie auch über das Unbewusste. Wenn wir Resonanzerfahrungen machen, erfahren wir das Leben als sinnvoll und gelungen. In Ausbildungs- und Beratungsbeziehungen geht es darum, Resonanzerfahrungen zu ermöglichen, um die Prozesse für alle zufriedenstellend zu gestalten. Resonanzerfahrungen entwickeln und entfalten sich prozesshaft in Resonanzräumen. In sog. sozialen Resonanzräumen geht es um Beziehungen, um einen interaktiven verbalen und nonverbalen Austausch mit dem Gegenüber. Der kleinste soziale Resonanzraum ist die dyadische Beziehung; in größeren Räumen wie Gruppen, Klassen, Teams oder Organisationen wird die Dynamik der Interaktionen immer komplexer. In individuellen Resonanzräumen geht es um die Innenwelt eines Individuums, um die innerpsychische Balance, um emotionsgetönte Beziehungserfahrungen, die gemacht und gespeichert wurden und in späteren Situationen in ähnlichen Beziehungskonstellationen unbewusst wiederholt werden. Diese dynamische Innenwelt, die aufnimmt und sendet verändert sich ständig und ermöglicht den Zugang zum Selbst wie zum Gegenüber, zum Ich wie zum Du.

Resonanzerfahrungen können sehr bewusst bis völlig unbewusst sein. Auch in Ausbildungs- und Beratungsprozessen wird das Erleben und Handeln der Professionellen wie der Lernenden von unbewussten Kräften mitbestimmt.

Die psychoanalytischen Konzepte des Unbewussten, der Übertragung und Gegenübertragung und des Containments können hilfreich sein, um Resonanzen bewusster und differenzierter wahrzunehmen und für die Prozesse zu nutzen. Sie bilden die Basis für ein aktives echtes Verstehen und die Erfahrung des Verstandenwerdens. Mit der Ermöglichung von mehr Resonanzerfahrungen kann auch die Zufriedenheit und die Weiterentwicklung beim Lernen und Lehren zunehmen. Resonanzerfahrungen gehören auch zur Selbstfürsorge und stellen ein Gegenmodell zur permanent erlebbaren Beschleunigung und Effizienzsteigerung dar.

 

F3b: Wenn hinschauen unbequem wird: Zugänge zur Handhabbarkeit von Komplexität in der Beratung
Carsten Hennig

Systemtheoretisch-konstruktivistisch fundierte Beratungsarbeit ist darauf ausgelegt, Komplexität als Ressource nutzbar zu machen, getreu dem ethischen Imperativ Heinz von Foersters „Handle stets so, dass weitere Möglichkeiten entstehen“. Dialogangebote wie beispielsweise zirkuläre Fragen oder hypothetische Antworten laden zum Experimentieren ein, mit Hilfe von Explorationsmethoden wie etwa der Skulpturarbeit oder dem Tetralemma lässt sich gewonnene Perspektivenvielfalt in relevante Kontexte setzen – Ratsuchende erweitern ihre Sichtweisen und gewinnen damit neue Handlungsperspektiven.

Von einem solchen Selbstverständnis ausgehend erscheint der erfolgreiche konstruktive Umgang mit Komplexität in der Beratung erwartbar. Welche Funktion hat dann dessen Problemhaftigkeit für das Beratungshandeln, wenn Beratungsprozesse nicht mehr „rund laufen“, Beratende „ins Schwimmen“ kommen, verunsichert sind und „sich verstricken“? Um sich manifestierende Irritationen zur Innenschau zu nutzen, ist Reflexivität geboten – auch wenn dies unangenehm scheint oder schmerzlich sein kann: an jenen Punkten verbergen sich unsere Entwicklungsherausforderungen als Beratende.

Möglicherweise glauben wir zu wissen, was für unser Klientel gut ist, oder wir verlassen uns auf unsere Interpretation ihrer Ausführungen ohne angemessene Rückvergewisserung. Eventuell sind wir orientierungslos ob der während der Beratung zu Tage geförderten Informationsfülle, vielleicht stören das eigene Befremden, Mitleid, oder Befangenheit unseren empathischen Kontakt zu den Ratsuchenden. Mittels Rollenunklarheit, Voreingenommenheit, Orientierungslosigkeit, oder Antipathie macht Reflexivität mangelnde Kongruenz von Handlung und Haltung spürbar, Krisen im Beratungshandeln werfen uns zurück auf eigene Professionalisierungsbedürftigkeit  – Unbequemes lädt zu Entwicklung ein.

Forum 4: Motive und Wendepunkte in der Beratung: aktuelle Forschungsergebnisse

F4a: Übergänge in Arbeit gestalten – Leitbilder personenbezogener Beratungsdienste
Christian Schröder

In der Vergangenheit hat das Feld der personenbezogenen Dienstleistungen zur Begleitung und Beratung von Übergängen in Arbeit in Politik, Praxis und Forschung zunehmend an Bedeutung gewonnen.

Übergangsberatung ist durch unterschiedlichste Anbieter und Angebotsstrukturen geprägt. Im Projekt Transition Processing wurde erstmals ein datenbegründeter, systematischer Vergleich aus einer erziehungswissenschaftlichen Perspektive vorgenommen, indem das Prozessieren von Übergängen in Arbeit in den Feldern Berufsorientierung, Berufsberatung, Early School Leaving, Transfergesellschaften und Coaching vergleichend untersucht wurde. Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse werden die übergreifenden Leitbilder vorgestellt, die quer zu den fünf Fällen herausgearbeitet wurden. Sie weisen tendenziell in eine Richtung: Die Figur einer individualisierenden Problematisierung.

 

F4B: Unterstützung von Entscheidungen – Neuralgische Sequenzen im Beratungsprozess
Maria Stimm

In der Berufs- und Weiterbildungsberatung geht es in der Regel um die Vorbereitung von Entscheidungsprozessen. Dabei lässt sich beobachten, dass einerseits die institutionellen Strukturen auf die professionelle Ausgestaltung der Beratung Einfluss haben, andererseits mehr Wissen im Beratungsprozess eine Rolle spielt. Die beratungsentscheidende individuelle Unterstützungsfunktion darf dennoch nicht zu kurz kommen. Im Rahmen einer Detailanalyse (Gieseke & Stimm 2016) wurde mit dem Fokus auf die realisierten Praktiken das komplexe Innenleben von Beratungsprozessen in der Interaktion zwischen Beratenden und Ratsuchenden aufgedeckt.

Vor dem Hintergrund biografischer Konstruktionen spiegeln in diesem Zusammenhang die neuralgischen Sequenzen im Beratungsgespräch lernende Auseinandersetzungen, den Abgleich und die Verschränkung von individuellen Bedürfnissen, Interessen und Emotionen sowie Wissen und Informationen wider. Neuralgische Sequenzen werden dann zur Gelenkstelle im Beratungsprozess und bestimmen insgesamt den weiteren Verlauf des Beratungsgesprächs. Berater_innen verdichten hier in der Interaktion Aspekte einer durch die Detailanalyse herausgearbeiteten thematisch-inhaltlichen Wissensausgestaltungsebene mit Aspekten einer atmosphärischen Beziehungsausgestaltungsebene. Sie treffen damit relevante Entscheidungen für den weiteren Beratungsprozess.

Da Entscheidungstheorien in den letzten Jahrzehnten vor allen Dingen einem betriebswirtschaftlichen Interesse unterlagen, kann zunächst festgehalten werden, dass in diesen logisch rationalen Modellen der subjektive Faktor, also die subjektiven Ziele, Interessen und Werte in ihrem Zusammenwirken noch keine Rolle spielen. Mit Blick auf die eingebrachten Analyseergebnisse zu den neuralgischen Sequenzen im Beratungsprozess soll diskutiert werden, wie und ob Entscheidungen der Berater_innen die subjektiven Ziele, Interessen und Werte mit in den Blick nehmen und welchen komplexen Anforderungen die Entscheidungsfindung von Berater_innen im direkten Beratungsprozess unterliegt.

 

Forum 5: Evidenzbasierte Entscheidungen: gescheiter oder gescheitert?

F5a: Evidenzbasierte Vorgehensweisen und professioneller Ermessensspielraum in der Beratungspraxis
Pascal Bastian

Die Ergebnisse aus Metaanalysen und Reviews zeigen, dass evidenzbasierte Prognoseinstrumente in unterschiedlichen Arbeitsfeldern treffsicherer in Bezug auf die Vorhersage zukünftiger Ereignisse sind, als die Urteile professionell ausgebildeter Fachkräfte. Anderseits wird in der Debatte immer wieder kritisch ein negativer Einfluss solcher Instrumente auf den professionellen Ermessensspielraum beklagt. Auch wenn die Treffsicherheit dieser Instrumente evident zu sein scheint, finden sich wenige Studien, die die praktische Anwendung evidenzbasierter Urteilsverfahren in den Blick nehmen. Vor allem die Frage, ob und wenn wie es Professionellen gelingt, sich in solchen hochstandardisierten Praxen einen Ermessenspielraum für einzelfallbasierte, kollegial verhandelte oder interpretative Urteile zu sichern, ist bislang ungeklärt.

Auf der Grundlage ethnografischer Daten aus der US-amerikanischen und deutschen Kinderschutzpraxis wird die Einflussnahme technologischer Erfassungsbögen auf das Handeln und Urteilen sozialpädagogischer Fachkräfte und die Fallkonstitution beleuchtet und diskutiert, inwiefern sich solche Ergebnisse auch auf die professionelle Beratungspraxis übertragen lassen. Interessant ist vor allem, dass die Ergebnisse der diskutierten Studien immer wieder zeigen, wie die Fachkräfte die scheinbar starren Standards durch eigene Urteile überformen und beeinflussen und wie sie ihre eigene Professionalität im Umgang und in Abgrenzung zu den Instrumenten entwerfen.

 

F5b: Evidenz und Professionalität in der Beratung
Holger Ziegler

Der Beitrag diskutiert das Spannungsverhältnis von fallspezifischer Angemessenheit und instrumenteller Zielerreichung von Fallverstehen und klassifikatorischer Diagnostik und damit zusammenhängend von Managerialismus und Professionalität. Es wird gezeigt, worin die derzeitige Kritik an einer professionalistischen Praxis besteht und wie sich eine evidenzbasierte Praxis als zeitgemäße Alternative darstellt. Schließlich wird aufgezeigt, wie und warum die evidenzbasierte Praxis nach ihren eigenen Maßstäben bislang gescheitert ist.

Workshop 4: Das Career Construction Interview in Theorie und Praxis – Komplexität abbilden, reduzieren und die berufliche Identität aktiv gestalten

Marc Schreiber

Das Career Construction Interview (CCI) wurde von Mark L. Savickas entwickelt (siehe www.vocopher.com; https://youtu.be/CTmGsSSKxcc). Es eignet sich für den Einsatz mit unterschiedlichen Zielgruppen. Ziel des sozial-konstruktionistischen Verfahrens ist es, den roten Faden in Form des Lebensporträts der Klientin / des Klienten zu identifizieren und daraus konkrete Schritte für die berufliche Weiterentwicklung abzuleiten. Die Komplexität einer beruflichen Herausforderung kann mit Hilfe des strukturierten Beratungsprozesses gemäss dem CCI abgebildet und reduziert werden.

Hauptinhalte des Workshops sind das Vermitteln der theoretischen Grundlagen eines Beratungsprozesses gemäss dem CCI sowie das Selbsterleben der Teilnehmenden. Diese werden eingeladen, die 6 Fragen des CCI für sich selbst zu beantworten und in der Folge Erkenntnisse über die eigene Laufbahn abzuleiten und zu reflektieren. Schliesslich geht es im Workshop darum, konkrete Fragen zur Anwendung des CCI zu besprechen.

Workshop 5: Verstehen durch Biografiearbeit

Ingrid Miethe

Biografiearbeit ist eine Methode die in den letzten Jahren in vielen pädagogischen Handlungsfeldern verstärkt Einsatz gefunden hat. Dabei ist oft unklar was genau Biografiearbeit ist, wie diese von anderen Ansätzen abzugrenzen ist und welche Methoden warum und wie eingesetzt werden können.

Im Workshop wird ein Überblick über die verschiedenen Traditionen gegeben, die in die Biografiearbeit Eingang gefunden haben. Anhand eigener biografischer Erfahrungen soll außerdem eine Beschäftigung damit erfolgen, was Biografie ist und was damit über Biografiearbeit erreicht werden kann – was aber auch nicht. D.h. es geht ganz prinzipiell darum, Grenzen und Möglichkeiten der Biografiearbeit auszuleuchten. Darüber hinaus wird im Workshop Raum für die Fragen der Teilnehmenden gegeben um anhand dieser Fragen spezifische Arbeitssituationen oder Einsatzfelder vertiefend weiter zu diskutieren.
Je nach Interesse der Teilnehmenden kann somit eine Vertiefung spezifischer Themen erfolgen.